Nikolaus Schneider spricht vielen Menschen aus der Seele. Der designierte Chef der DFB-Ethik-Kommission hat in einem Interview gewünscht, dass Franz Beckenbauer sein Schweigen um die WM-Vergabe 2006 bricht und sich öffentlich zu den Ereignissen rund um das deutsche Sommermärchen äußert. Wahrscheinlich würde sogar weniger Pikantes zu Tage treten, als im Laufe der Ermittlungen zeitweise vermutet wurde. Nur leider werden wir das mit großer Wahrscheinlichkeit nie aus dem Mund des Kaisers persönlich erfahren.
Beckenbauer folgt damit einer Tradition. Deutsche Persönlichkeiten schweigen mit Vorliebe eisern zu erheblichen Vorwürfen gegenüber ihrer Person. Das ist sowohl im Sport als auch in der Politik zu beobachten. Sei es der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der seine Spendernamen mit ins Grab genommen hat. Oder Jan Ullrich, der die entscheidende Jahre seiner Doping-Vergangenheit ausspart.
Die Motivationen sind dabei auf den ersten Blick zunächst unterschiedlich. Mal soll das persönliche Ehrenwort nicht gebrochen werden. Mal schmerzhafte Konventionalstrafen ausgehebelt werden. Manchmal eine Strafverfolgung womöglich nicht noch zusätzliche Unterstützung erhalten. Was die Beispiele aber eint: Die handelnden Personen agieren auf einer außerordentlich hohen Fallhöhe. Über Jahre – teilweise mehrere Jahrzehnte – gehören diese Personen zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Gesellschaft. Sie sind es gewohnt, das Zepter in der eigenen Hand zu halten. Man will sich nicht von außen diktieren lassen, was man zu tun oder lassen hat. Mit einer Einlassung würde man die Deutungshoheit über das eigene Lebenswerk ein Stück weit verlieren. Diese negativen Folgen versuchen diese Alphatiere unter allen Umständen zu vermeiden. Dann lässt man die Öffentlichkeit lieber im Unklaren und nimmt diverse Spekulationen in Kauf. Darunter befinden sich mit Sicherheit auch Theorien leidenschaftlicher Anhänger.
Solange verschiedene Theorien unkommentiert durch die Köpfe der Menschen wandern, spielen Fakten eine untergeordnete Rolle. Diese dringend benötigten Fakten können die Betroffenen jedoch selber liefern. Aber das werden sie nicht tun. Auch Franz Beckenbauer nicht.
Daniel.Mueksch@ovb.net