KOLUMNE

Die Initiative kommt (zu) spät

von Redaktion

Viel besser hätte die Woche nicht beginnen können. Seit Montag nämlich wird alles gut, zumindest für Münchens Fußball-Amateure. Schon bald wird der Ball auch in der Landeshauptstadt so rollen, wie es sein soll, auf bis zu 35 zusätzlichen Spielfeldern, Trainingskapazitäten werden dank neuer Kunstrasenplätze deutlich gesteigert, Schulsportanlagen für Vereine geöffnet, vielleicht sogar ein Stadion für den Amateurspitzenfußball gebaut. So jedenfalls versprechen es Stadt und Verband.

Endlich dürfen Münchens Fußballer ein bisschen durchatmen, Aufnahmestopps, die zuletzt schon jeder dritte Verein verhängen musste, könnten dann endlich aufgehoben werden und Kinder, die nichts sehnlicher wünschen, als aktiv ihren Idolen Kimmich, Gnabry und Lewandowski nachzueifern, müssen nicht mehr abgewiesen werden. Alles wird gut, die bitteren Tränen werden trocknen.

Es war schon ein Malheur. Die Stadt ist gewachsen und gewachsen, der Boom frisst die letzten freien Spielflächen und dort, wo es noch welche gibt, sorgen Nachbarn mit ausgeprägtem Ruhebedürfnis dafür, dass sie immer weniger genutzt werden dürfen, nicht abends und keinesfalls sonntags. All das hat zu einem Mitgliederrückgang in Münchens Fußballklubs geführt, was keineswegs, wie eine Umfrage des Bayerischen Fußball-Verbandes ergeben hat, auf Desinteresse zurückzuführen ist, sondern auf fehlende infrastrukturelle Rahmenbedingungen. Ganz massiv gelitten darunter hat der Mädchenfußball, derzeit sind, so der Verband, in München gerade mal 2400 Fußballerinnen aktiv, während allein in der männlichen Jugend 20 000 Kinder und Junioren kicken. Welcher Verein, der ohnehin um jede Trainingsminute zu kämpfen hat, halst sich noch Mädchen- und Frauenteams auf?

All das soll sich nun ändern. Die Frage ist halt, ob das nicht ein wenig zu spät kommt. Ziehen die jungen Familien nicht längst raus aus der Stadt, weil die horrenden Mieten unbezahlbar sind? Und schicken die, die sich München noch leisten können, ihre Kinder nicht lieber zum Tennis, Golf und Reiten als zum Fußball? Wer als Normalverdiener hier noch (über-) leben will, muss schauen, dass er sich mit Überstunden und Nebenjobs über Wasser hält. Da bleibt dann auch keine Zeit, sich intensiver um die Kids zu kümmern, mit ihnen rauszugehen, zu spielen, sie zur Bewegung anzuregen und ihnen so viel Spaß am Sport zu vermitteln, dass sie in die Vereine drängen. Der erste Anstoß muss von den Eltern ausgehen, sie sind erst mal die größten Vorbilder für den Nachwuchs. Was in der Familie versäumt wird, kann der ohnehin darbende Schulsport nie und nimmer nachholen.

Wir wollen hier nicht schlechtreden, was der Verband gemeinsam mit der Stadt München gerade anschieben will. Natürlich ist das lobenswert. Hätte aber vor zehn, zwanzig Jahren bestimmt ein bisschen mehr gebracht. Weil Gentrifizierung und vor allem die Digitalisierung noch nicht ganz so weit fortgeschritten waren.

Inzwischen stoßen Eltern, die sich trotz knapper Ressourcen doch mal Zeit nehmen möchten, um mit den Kindern draußen zu toben, zu spielen, zu kicken, schon mal auf massiven Widerstand. Die Kids haben nämlich längst Wichtigeres zu tun, feilen an ihren Fertigkeiten an der Konsole. Um bald mal richtig erfolgreich zu werden beim „BFV eSports Cup“ oder später beim „DFB ePokal“, das erfordert viel Training und lässt keine Zeit für die altmodische, zudem schweißtreibende Bolzerei auf der Wiese. Man kann den E.Sport schon als nette Alternative sehen, gerade für die Münchner Kinder, die bei den Vereinen abgewiesen wurden.

Ob man die aber jetzt noch zurückgewinnen kann, wo doch sogar der BFV verstärkt elektronische Angebote forciert?

Von Reinhard Hübner

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