München – Vergangene Woche saß Sophia Flörsch (18) das erste Mal seit ihrem Horror-Unfall im November in Macau, bei dem sie nur knapp einer Lähmung entging, in Monza wieder in einem Rennauto. Am Mittwoch fliegt sie für einen TV-Auftritt nach Köln. Donnerstag geht es weiter nach Amsterdam und am Freitag zu Testfahrten nach Oschersleben. Samstag und Sonntag ist sie zu Gast beim Formel-E-Rennen in China. Am Montag landet Flörsch in München, um zu weiteren Tests nach Italien zu fahren. Unsere Zeitung erreichte das Münchner Motorsporttalent am Telefon.
Frau Flörsch, Rennstrecken statt Reha, Sie fühlen sich zurück im Himmel, oder?
Ja, zum Glück. Es wurde auch Zeit. Vom Unfall bis zu meiner Rückkehr auf die Strecke waren es 106 Tage. Als ich in Monza im Cockpit saß und aus der Garage gefahren bin, hatte ich Gänsehaut. Ich habe geweint vor Glück. Man weiß erst, was man liebt, wenn man kurz davor ist, es zu verlieren.
Wie haben sich die ersten Testrunden in Monza angefühlt?
Es war, als wäre ich nie weg gewesen. Das Team war nicht sicher, wie ich die vergangenen Wochen wegstecke, aber unter dem Strich bin ich da, wo ich aufgehört habe.
Ihr Teamchef sagt, Sie seien fitter denn je?
Mental bin ich gereift, aber körperlich bin ich noch nicht auf meinem Niveau, speziell im Ausdauerbereich. Muskulär ist in den Armen, in den Schultern und im Nacken noch Luft nach oben. Aber für den Moment ist es gut, wie es ist. Vielleicht bin ich auch zu selbstkritisch. Für mich ist es Motivation, bis zum ersten Rennen noch härter zu trainieren.
Gab es in den vergangenen 106 Tagen Komplikationen?
Alles lief reibungslos. Ich merke nichts mehr von der Operation, selbst das Stück Metall in meinem Körper spüre ich nicht. Die Metalldetektoren am Flughafen schlagen allerdings manchmal aus, es ist also noch da.
Ihre Rundenzeiten waren gut. Gibt es Neuigkeiten, ist Ihr Vertrag mit Van Amersfoort unterschrieben?
Wir arbeiten mit vollem Einsatz auf den Saisonstart der Formula European Masters Anfang Mai hin. Jede Woche kommen neue Fahrer im Starterfeld hinzu, deshalb gehe ich davon aus, dass die Saison wie geplant verläuft. Die Serie ist nach wie vor die anspruchsvollste mit einem Formel-3-Rennwagen. Wer in diesem Auto schnell ist, kann auch einen Formel-1-Boliden am Limit bewegen, ich erinnere an Max Verstappen. Die Vertragsunterschrift mit Van Amersfoort ist mehr eine Formsache.
Verfolgen Sie auch die Entwicklung der W-Serie, der neu eingeführten Frauenrennserie?
Frauen können im Auto Gleiches leisten wie Männer, deswegen finde ich nicht, dass diese Serie der richtige Weg ist. Aber klar redet man im Fahrerlager darüber.
Wie könnte man Frauen stattdessen besser fördern?
Durch eine gezielte Nachwuchsförderung vor allem für junge Rennfahrerinnen. Mädchen, die mit sieben Jahren im Kart beginnen und ihren Weg gehen, sollten nachhaltig gefördert werden. Sie sollten den gleichen Zugang zu Testtagen, Simulatortraining, Reifen, Coaches usw. erhalten. Jungs werden nach Erfolgen rasch als „Talente“ gehandelt, Mädels spricht man ein Erfolgspotenzial in der Regel ab. Erfolg im Motorsport hängt leider oft von den finanziellen Ressourcen ab. Fehlt es daran, geht die Nachhaltigkeit verloren. Generell, denke ich, ist die Formel 1 bereit für Frauen.
Wird mit Ihnen seit dem Unfall anders umgegangen?
Die Aufmerksamkeit ist hoch, aber ich habe das Gefühl, dass viele abwarten wollen und wollten, ob ich das durchziehe. Sie können sich nicht vorstellen, dass man 106 Tage nach so einem Unfall wieder ins Auto steigt und das gleiche Risiko eingeht. Aber für mich ist der Rennsport mein Lebensinhalt, der Gedanke aufzuhören ist mir also fremd. Und ein gewisses Risiko geht jeder Rennfahrer ein.
Interview: Mathias Müller