München – Daniel Bierofka und Claus Schromm haben sich etwas früher verabredet. Schon 30 Minuten vor dem eigentlichen Treffpunkt sitzen die Fußballtrainer des TSV 1860 und der SpVgg Unterhaching im Gutshof Menterschwaige, sie plaudern. Am Sonntagmittag, zwei Tage vor dem Drittliga-Derby ihrer beiden Vereine im Grünwalder Stadion (heute, 19 Uhr), haben sich Bierofka, 40, und Schromm, 49, mit unserer Zeitung an einen runden Tisch gesetzt, um einige Fragen zu klären – der Gegenwart und der Zukunft.
Herr Bierofka, was macht Ihr Puls, der nach dem 1:0-Sieg in Wehen noch bei 150 bis 180 lag?
Bierofka: Geht schon wieder, danke (lacht). Sechs Stunden Rückfahrt im Bus, daheim dann die Familie – jetzt ist er wieder im normalen Bereich.
Und Ihrer, Herr Schromm?
Schromm: Der war auch heut’ Früh noch relativ hoch. Gegen Meppen wäre einfach viel, viel mehr drin gewesen. Wir hatten genug Chancen und gehen am Ende als Verlierer vom Platz – das ist schon verdammt ärgerlich.
Woran liegt’s, dass die Hachinger Formkurve im neuen Jahr nach unten zeigt?
Schromm: Das geht ja schnell im Fußball. Uns wurde in der Winterpause brutal der Arsch gepudert, wenn ich das mal so sagen darf. Damit muss man erst mal klarkommen. Das war ein Lernprozess, den wir alle gemacht haben – da nehme ich mich nicht aus.
Kommt das Derby jetzt gerade recht? Haching hat ja meistens gut ausgesehen gegen die Löwen.
Schromm: Das Derby kommt immer recht. Am liebsten würden wir immer gegen 1860 spielen – dann wäre unser Stadion auch immer ausverkauft. (lacht)
Herr Bierofka, im Moment würden Sie lieber auswärts spielen, nehmen wir an.
Bierofka: Weil wir zuletzt zweimal zu Hause verloren haben? Ich weiß schon: Jetzt haben wir die Heimkrise. In der Hinrunde hatten wir eine Auswärtskrise. Dann kam die Standardkrise . . .
Nicht zu vergessen: Die Krise mit den späten Gegentoren . . .
Bierofka: Zum Glück haben wir die zuletzt widerlegt. (lacht) Eigentlich ist immer Krise bei uns. Aber im Ernst: Es gibt keinen richtigen und keinen falschen Zeitpunkt, um ein Derby zu spielen. Ich denke, dass sich beide Mannschaften momentan auf Augenhöhe bewegen.
Mal weg vom aktuellen Geschehen: Wissen Sie noch, wann Sie sich kennengelernt haben?
Bierofka: So richtig erst vor Kurzem, oder? Über den Weg gelaufen sind wir uns auch früher bei 1860. Aber da hab’ ich ihn noch nicht so richtig realisiert . . . Schromm: (lacht) Klar, ich war ja nur der U 19-Trainer. Bierofka: Leider ist das so, wenn man Profi ist. Man lebt da sehr in seiner Welt.
Sie waren ja auch mal ein Jahr in Unterhaching, Herr Bierofka . . .
Bierofka: Ja, lange her. Als ich noch bei der SpVgg Feldmoching war, bin ich U 15-Nationalspieler geworden. Ich hatte eine Anfrage von Bayern und eine von Sechzig, bin dann aber nach Unterhaching gewechselt. Zusammen mit meinem besten Spezl Maximilian Huber. Stefan Leitl war damals Kapitän der B-Jugend. Es ging sehr familiär zu – das hat mir einfach gefallen.
Sie, Herr Schromm, haben Ihre Zeit bei 1860 nicht in so guter Erinnerung, wenn man an gewisse Aussagen vor dem Hinspiel denkt . . .
Schromm: Das muss man differenziert sehen. Ich war sechs Jahre bei 1860. Damals hat sich das NLZ auf einem Topniveau bewegt – dank Ernst Tanner und Wolfgang Hauner. Wir hatten Talente in einer Masse, brutal. Ich könnte jetzt 20 aufzählen, aber dann wären weitere 20 beleidigt, weil ich bestimmt welche vergessen würde. Es war eine schöne Zeit – und eine lehrreiche. Angesprochen hatte ich das vor dem Hinspiel, weil manches einfach schwer nachzuvollziehen ist, wenn man hinter die Kulissen schauen darf oder muss.
Sie sagten wörtlich, Sie seien als 1860-Fan gekommen – und als das Gegenteil eines Fans gegangen.
Schromm: Ich komme halt aus einem stockblauen Zuhause. Hätte ich als Kind „Bayern“ geschrien, hätte mich mein Vater wahrscheinlich vor die Tür gesetzt. Irgendwann ist man U 19-Trainer bei 1860 und denkt sich: Hoppsala! Was für eine geile Geschichte. Es waren halt ein paar strategische Geschichten, die ich nicht nachvollziehen konnte. Die kommen bei 1860 leider immer wieder vor, wie Daniel sicher bestätigen kann.
Können Sie das, Herr Bierofka?
Bierofka: Man lernt damit zu leben, ganz einfach. Wenn du bei 1860 arbeitest, musst du das abkönnen. Jetzt bin ich in einer Position, wo ich was verändern kann. Das ist seit dem ersten Tag mein Bestreben. Mir geht’s nicht um links, nicht um rechts, sondern um den Verein. Ich bin wie ich bin, versuche, meine Persönlichkeit einzubringen, ehrlich zu sein – und abends mit einem guten Gewissen nach Hause zu gehen.
Sind Sie ein bisschen neidisch auf die Ruhe in Unterhaching?
Bierofka: So ruhig ist es da auch nicht, hab’ ich vorhin vom Claus gehört. (lacht)
Können Sie sich vorstellen, noch mal woanders zu arbeiten, Herr Schromm?
Schromm: Klar kann ich das. Aber man kann ja erst was Neues anfangen, wenn man die alte Sache beendet hat. In Haching sind wir gerade mittendrin – das Ende wird erst in ein paar Jahren sein.
Was ist das für ein Ende?
Schromm: Das muss die 2. Liga sein. Schon aufgrund des totalen Systemfehlers 3. Liga. Vom Rahmen her müssen wir nicht zwingend ein Zweitligist sein, aber die finanzielle Situation zwingt uns dazu. In der 3. Liga, wie sie jetzt ist, gibt es leider kein Morgen.
Das dürfte sich mit Ihren Zielen decken, Herr Bierofka. Wobei Ihnen infolge des Gesellschafterstreits der neue Sparkurs in die Quere kommen könnte…
Bierofka: Es war anders geplant – daher ist das alles ein bisschen bedenklich aus meiner Sicht. Andererseits bin ich Angestellter dieses Vereins und muss akzeptieren, wenn sich die Gesellschafter nicht einigen können.
Freuen Sie sich schon, dass Haching nächstes Jahr einen größeren Etat als 1860 hat, Herr Schromm?
Schromm: Da bin ich der falsche Ansprechpartner, aber es ist schon möglich, ja.
Können Sie nachvollziehen, was Daniel Bierofka hinter sich hat mit der Doppelbelastung?
Schromm: So eine Aufgabe in der 3. Liga zu stemmen, als Aufsteiger, bei 1860 München – und dann auch noch sportlich zu performen: absolute Hochachtung! Und dann ist auch noch ständig Krise, irgendetwas ist ja immer. Das war sogar bei uns in der Regionalliga so, als wir mit 83 Punkten Meister geworden sind. Ich weiß gar nicht mehr, warum eigentlich.
Bierofka: Am Anfang der Rückrunde habt ihr, glaub’ ich, zwei-, dreimal nicht gewonnen. Dann kamen wir (Bierofka trainierte damals die U 21; d. Red.) von hinten, waren schon bis auf zehn Punkte dran. (lacht) Am Ende waren‘s doch 20.
Haben Sie damals zum ersten Mal als Trainer gegeneinander gecoacht?
Bierofka: Das war schon im Jahr davor. 1:1 im Hinspiel, beim Rückspiel war ich aber schon gar nicht mehr auf der Bank, da war schon die Rettungsmission gestartet in der 2. Liga. Bisher war‘s immer unentschieden zwischen uns.
Schromm: Dann wird‘s mal Zeit, dass wir gewinnen.
Sind Sie beiden sich als Trainer ähnlich?
Bierofka: Jeder hat seine Idee von Fußball, wäre ja auch langweilig, wenn alle gleich denken.
Sie, Herr Schromm, legen ein bisschen mehr Wert auf Ballkontrolle?
Schromm: Ich habe schon gerne den Ball, das muss ich sagen. Oft hat ihn aber auch der Gegner – und damit kommen wir immer besser klar. Da sehe ich eine sehr gute Entwicklung, obwohl es die Ergebnisse nicht belegen. Davor hatten wir immer Bauchschmerzen, wenn der Gegner den Ball hat. Egal, ob es gefährlich war oder nicht.
Eine Stärke von 1860 sind die Standards – auch wenn zuletzt nicht mehr so viele Tore gefallen sind.
Bierofka: Weil die Gegner auch nicht blöd sind. Am Anfang haben sie uns unterschätzt, zu sorglos verteidigt. Inzwischen haben sie sich aber darauf eingestellt und machen das richtig gut. Unterhaching hat ja auch sehr gute Standards, das geht aber ein bisschen unter.
Schromm: Es geht zum Glück unter.
Bierofka: Ich hab‘s Gott sei Dank erkannt.
Schromm: Man hat das natürlich im Blick. Wenn die Löwen kommen mit guter Standard-Bilanz, dann setzt man da einen Fokus. Dann ist man auch im Spiel ein bisschen konzentrierter, aggressiver.
Herr Bierofka, wie sehr wurmt es Sie, dass Haching den Löwen in der Jugendarbeit derzeit den Rang abgelaufen hat?
Bierofka: Die Jugendarbeit ist unser Aushängeschild. Wenn es in den nächsten Jahren der Weg des Vereins ist, auf die Jugend zu setzen, dann müssen wir mit der U 17 und der U 19 wieder in die Bundesliga. Du musst am Wochenende immer gefordert sein. Die größte Herausforderung ist es, gegen die besten NLZ-Mannschaften zu spielen. Der Sprung von der U 19-Bayernliga in die 3. Liga – das ist keine Welt, sondern fast schon eine Galaxie.
Momentan hat Unterhaching im Werben um ein Talent wohl die besseren Karten. Hätten Sie das für möglich gehalten, Herr Schromm?
Schromm: Um die Jahrtausendwende war ich U 19-Trainer in Unterhaching. Damals haben wir uns gar nicht getraut, uns um einen Spieler zu bemühen, den auch Bayern oder Sechzig auf dem Schirm hat. Als ich bei 1860 war, war Haching ein Hin-und-Mit-Laden. Wir sind hingefahren, haben gewonnen und den Besten mitgenommen. So war das. Dann kam das NLZ. Wenn Manni Schwabl vor fünf, sechs Jahren nicht gesagt hätte, wir setzen voll auf die Jugend, dann wären wir heute mit der Jugend nicht da, wo wir jetzt sind. Als wir abgestiegen sind, hat er die Zahl der hauptamtlichen Nachwuchstrainer erhöht. Ich hoffe, dass die Löwen sich besinnen.
Wie wichtig wäre jetzt der Derbysieg für den weiteren Saisonverlauf?
Schromm: Für uns könnte es elementar sein. Wie ich meine Truppe kenne, käme da ein richtiger Kick rein.
Bierofka: Wir haben uns von hinten herausgekämpft. Für mich ist es jetzt entscheidend, den Weg weiterzugehen – und nicht alles an einem Spiel festzumachen. Man darf sich als Trainer nicht von Tagessachen beeinflussen lassen. Wenn wir gegen Unterhaching verlieren, kriegen wir wieder sauber auf den Deckel.
Wenn Sechzig aber gewinnt, geht die Träumerei vom Aufstieg los . . .
Bierofka: Wenn wir dreimal verlieren, steigen wir ab. Wenn wir dreimal gewinnen, steigen wir auf.
Und kaufen einen Brasilianer . . .
Bierofka: Das hat der Lexi gesagt, das ist der alte Ringlstetter-Spruch. (lacht) Es ist aber wichtig, dass wir das Bild vom leidenden Löwen mal abstreifen. Dieses Selbstmitleid kann ich nicht mehr hören. Wir sind Sechzig, haben eine tolle Tradition. In Wehen-Wiesbanden sind 3000 Leute, da kann man auch ein bisschen stolz sein auf den Verein. Das geht mir auf den Keks, wenn ich Löwen-Fans höre, die sagen: Ich bin seit 52 Jahren leidender Löwen-Fan. Wieso leidend? Sei doch stolz, auch wenn es manchmal schwer ist. Entweder ich bin ein Löwe oder ich bin keiner.
Sie selbst wollen bleiben. Ihr Stürmer Sascha Mölders hat jedenfalls gesagt: „Der Biero haut nicht ab.“
Bierofka: Warum sollte ich auch? Ich hänge zu sehr an der Mannschaft, an den Spielern. Wenn der Verein irgendwann mal glaubt, dass es mit einem anderen Trainer besser geht, dann packe ich meine Sachen und mache was anderes. Es macht aber jeden Tag Spaß. Felix Weber zum Beispiel trainiere ich seit viereinhalb Jahren. Diese Zeit vergisst man nicht – auch in einer schweren Zeit.
Also besteht die Chance, dass Sie sich in der Zukunft in einem Zweitliga-Derby begegnen.
Bierofka: Ich hätte nichts dagegen.
Schromm: Unterschreibe ich auch.
Interview: Uli Kellner, Christopher Meltzer