Flintsbach – Brauchtum steht immer vor einem Dilemma: So lange es echt ist und ursprünglich, blüht es meist nur im Verborgenen. Zieht es aber erst einmal die Massen an, verliert es in der Regel schnell von seinem ursprünglichen Geist, wird auf Kosten des Inhalts immer mehr zum bloßen „Event“.
Vor diesem Hintergrund ist die Sänger- und Musikantenwallfahrt auf den Petersberg, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert, eine wirkliche Besonderheit. Obwohl sie mittlerweile zweifellos zu einem der Höhepunkte im Festkalender des Inntals gehört und über die Region hinaus, sogar bis weit nach Tirol hinein bekannt ist, hat sie ihren ursprünglichen Charakter bewahren können. Um den zu verstehen, muss man erzählen, wie es eigentlich zur Wallfahrt kam. Im Jahr 1989 setzte der damalige Flintsbacher Kirchenpfleger Sepp Wieland eine kleine Gruppe von Südtiroler Wallfahrern, die nicht mehr recht gut zu Fuß waren, am Beginn des sogenannten Apostelweges ab, also auf dem letzten Drittel des Petersberganstiegs. Er selbst fuhr weiter hoch zur Kirche, um dort wieder einmal nach dem Rechten zu schauen. „Dann“, so erzählt er, „bin ich aus der Kirche raus, um zu sehen, wann die Gruppe ein Stück weiter unten aus dem Wald herauskäme, um rechtzeitig mit dem Läuten beginnen zu können. Als ich sie dann sah, betend und singend, vor dieser grandiosen Kulisse des Inntales, da dacht ich mir: Was für ein Bild. Da, wenn jetzt noch Musik dabei wär“.
Inspirierende
Altarweihe
Nun war der heute 89-jährige Sepp Wieland ein zupackender Mann und zudem Mitglied der damals schon weit über die Region hinaus bekannten Inntaler Sänger, als solcher also in Musikantenkreisen bestens vernetzt. Deshalb wurde die Idee noch im selben Jahr in die Tat umgesetzt, die anstehende Jubiläumsfeier zur 850-jährigen Altarweihe auf dem Petersberg wurde gleichzeitig zu einem „Tag der Volksmusik“. Dass es dann nicht bei einem einmaligen Ereignis blieb, ist, so erzählt Sepp Wieland, vor allem Kathi Greinsberger von den Fischbachauer Sängerinnen zu verdanken. Sie fragte Wieland „Machts ihr des öfters?“ Wieland sagte: „Eigentlich ned.“ „Schad“, sagte die Kathi, „des solltats jeds Jahr macha“. Wieland: „Jeds Jahr ned, aber alle zwoa Jahr, des lassat i mir eigehn.“
Auch in dieser Selbstbeschränkung zeigt sich viel von dem Geist, der die Wallfahrt bis heute „echt“ erhalten hat. Es geht auch heute noch nicht darum, dass man die ganz großen Stars der Volksmusik dabeihat, die dann Massen anlocken: Dann wäre die Wallfahrt längst Beiwerk geworden, im schlimmsten Fall zu etwas verkümmert, das noch ein bisschen zusätzlichen Folklorerahmen liefert. Vielmehr ist es so: Die Musikanten sind bei der Wallfahrt nicht einfach mit dabei, sie sind selbst Wallfahrer, die halt nebenbei noch musizieren und singen. Man kann das nicht besser auf den Punkt bringen als in einem Satz von Albert Scharf, dem ehemaligen Intendanten des Bayerischen Rundfunks, der selbst öfters bei der Wallfahrt mit dabei war. Zwar waren seine Worte an die Inntaler Sänger anlässlich ihres sechzigjährigen Jubiläums im letzten Jahr gerichtet, doch treffen sie auch ganz und gar auf alle Musikanten bei der Wallfahrt zu: „Man will kein Aufhebens machen, tritt nicht auf, um aufzufallen, und deshalb fühlt man als Zuhörer: da singen und musizieren welche, weil es ihnen grad so ums Herz ist.“
Dass sich die Wallfahrt so hat bewahren können, liegt natürlich viel auch an der Tatsache, dass alle, die hinaufwollen, den Anstieg zu Fuß bewältigen müssen, eine gute dreiviertel Stunde recht steilen Anstiegs braucht man allein, bis man beim Beginn des Apostelwegs ist. Mitfahrgelegenheit gibt es nur für Ausnahmefälle. Selbst Weihbischof Dr. Bernhard Haßlberger, der nun schon zum zehnten Mal oben bei der Kirche die Messe zelebriert, lässt sich nicht fahren, sondern geht ganz selbstverständlich mit hinauf.
Sicher nicht zuletzt auch deshalb, weil es auch für ihn immer wieder ein ganz besonderer Moment ist, wenn man oben, aber noch etwas unterhalb der Kirche, aus dem Wald heraustritt, und dann in vollem Sonnenlicht das Inntal unter einem liegt, bei ganz klarem Wetter mit Sicht bis zum Bayerischen Wald: „Der Blick von da ohm ins Inntal nei – des is oafach paradiesisch.“
Zur Wallfahrt gehört nicht nur der Aufstieg und die anschließende Messe, sondern auch ein Mittagessen. Vorbei die Zeiten, in denen man in der Wirtschaft auf den Petersberg mit viel weniger Besuchern gerechnet hatte und deshalb, wie Sepp Wieland lachend erzählt, „schon um halbe zwölfe selbst die Würstl aus waren“. Am Nachmittag dann kommt der zweite Höhepunkt des Tages: der Hoagascht. Und er kann für sich in Anspruch nehmen, dass dieser Name kein bloßes Etikett ist, sondern in seinem ursprünglichen Sinn das Geschehen beschreibt: Die Musikanten spielen nicht auf einer Bühne ein vorher festgelegtes Repertoire herunter, sondern musizieren auch mitten aus der Menge der Wallfahrer heraus, nicht nur in ihren angestammten Gruppierungen, sondern oft auch bunt zusammengewürfelt, so wie es sich gerade ergibt. Für alle, die je dabei gewesen sind, ist die Sänger- und Musikantenwallfahrt ein besonderes Erlebnis, das man am besten beschreibt, wenn man sinngemäß noch einmal Albert Scharf zitiert: „Sie alle sangen und spielten so innig, gläubig und vertrauensvoll, aber auch so voller Frohsinn und Lebensfreude, dass man mit der erneuerten Erkenntnis nach Haus ging, dass der Glaube, wenn er wirklich geglaubt und bekannt wird, tatsächlich eine feste Burg sein kann.“