„Das mache ich anders“

von Redaktion

17 Jahre, gerade Abitur und: Gründerin einer Selbsthilfegruppe für Menschen in einer Lebenskrise oder mit psychischer Erkrankung? In einem Dorf im Chiemgau? Jana Zeh hat sich getraut und wird belohnt. Durch die Erfolge ihrer Schützlinge. Einen Preis gab‘s obendrauf.

Eggstätt – „Wie, bitte, kommt man mit 17 Jahren auf diese Idee?“ Diese Frage hat Jana Zeh in den letzten Tagen ungezählte Male beantwortet: Durch eine Freundin, die mit Depressionen diagnostiziert wurde und außer mit Jana mit niemandem darüber sprechen wollte. Jana, die selber ihr Päckchen zu tragen hatte. Die sagt „ohne meine Schulpsychologin hätte ich das Abitur nicht geschafft.“

Zwei Jahre später sitzt da eine 19-Jährige, die mit blitzenden hellen Augen ganz selbstbewusst sagt: „Die Konzepte von anderen Selbsthilfegruppen haben mir nicht gefallen. Da habe ich mir gedacht „Das mache ich anders.‘“ Vielfältiger. Um möglichst alle Teilnehmer zu erreichen, so dass jede und jeder sich aus den Treffen etwas herausziehen kann.

Unerwartete Flut

an Rückmeldungen

Ein anonymer Aufruf in einem sozialen Netzwerk brachte nicht, wie gedacht, drei oder vier Rückmeldungen, es waren 30. Ein Dutzend blieb dabei. Aus Schliersee, aus Bad Aibling, Traunstein, Wasserburg, Stadt und Landkreis Rosenheim kamen und kommen die Gruppenmitglieder von „Ich bin nicht alleine“. Sie haben Depressionen oder Burn-out, sind Borderliner, haben Essstörungen, müssen Trauer bewältigen oder sind Angehörige eines/einer Betroffenen.

Jana Zeh studiert mittlerweile Gesundheitswissenschaften an der TU München. Gruppe und Studium vermischen, das will sie ganz bewusst nicht. In der Gruppe verlässt sie sich lieber auf ihre eigenen Erfahrungen und ihre Intuition. Und wenn etwas nicht funktioniert „dann fliegt‘s raus.“ Festfahren will sie sich nicht, das hat sie zu oft am eigenen Leib negativ erfahren.

Deswegen greift sie auch gerne Vorschläge von Gruppen-Mitgliedern auf und stellt nach der großen Gesprächsrunde bei der Arbeit in den Kleingruppen immer zwei Übungen zur Wahl. „Ich will niemanden in etwas reinpressen, in das die Person nicht passt.“ Deswegen setzt sie auch keine Schwerpunkte, „jeder in der Gruppe hat seine Stärken und Schwächen.“

Homogen ist die Selbsthilfegruppe nicht: Die Jüngste ist 17, die Älteste Ende 50, die Ausbildungen sind genauso unterschiedlich. Klar käme es da gelegentlich zu Konflikten, die werden aber sehr sachlich ausgetragen. Und manchmal klicken zwei, bei denen es niemand vermutet hätte. Jana Zeh grinst. Denn sie ist eine Hälfte eines solchen Gespanns. „Ich bin nicht alleine“ heißt Jana Zehs Gruppe. Das wird den Teilnehmern immer wieder dann bewusst, wenn Themen in der ganzen Gruppe besprochen werden. Das kann die Vorverurteilung durch die Umgebung sein, die Erfahrungen mit oder im Kampf um Medikamente – oder um frustrierende Arztbesuche. Denn die Halbgötter in Weiß sind definitiv nicht unfehlbar und oft wenig einfühlsam.

Jana Zeh hat gerade wieder eine Odyssee hinter sich. Schmerzen am ganzen Körper, von einem Arzt zum anderen gepilgert, keiner fand eine Ursache, „die nahmen sich auch kaum Zeit.“

Erst ihre gerade aus der Babypause zurückgekehrte Hausärztin kam auf die Idee, die junge Frau in die Schmerzklinik zu schicken. Und schon gab‘s eine Diagnose. Fibromyalgie – schmerzhaft, nervig, aber halbwegs in den Griff zu kriegen. „Ich habe für mich gelernt, dass ich Auszeiten brauche – und dass der Ärger raus muss. Dann geht‘s mir besser.“

Je mehr Gruppenteilnehmern es genauso geht, je besser sie ihren eigenen Weg finden, umso lieber ist es Jana Zeh. Dann läuft die Gruppe (ichbinnichtalleine@gmail.com) aus. Und wer noch Unterstützung braucht, der macht weiter.

Seit zwei Jahren gibt es „Ich bin nicht alleine“ jetzt. Jana Zeh kümmert sich neben ihrem Studium darum. „Es gibt genug Leute, die mir den Rücken stärken, sonst ginge das nicht.“ Für ihr Engagement gab es jetzt bemerkenswerte Anerkennung: Jana Zeh bekam den „Com.mit“-Award, Partner des deutschen Engagementpreises, den RTL in Kooperation mit der Bertelsmann-Stiftung vergibt. 2500 Euro Preisgeld gab es – die natürlich in ihr Projekt gesteckt werden. Und nach der Preisverleihung feierte Jana Zeh, 19 Jahre, aus Eggstätt, mit Promis aus Politik (Bundesbildungsministerin Anja Karliczek), Showgeschäft (Nazan Eckes, Inka Bause), Medien (Lefloid, Katja Burkhard) und Wirtschaft (Dr. Brigitte Mohn). Die Einladung war Teil des Preises und durchaus auch zur Vernetzung gedacht.

Schulprojekt mit der Ministerin besprochen

Was Jana Zeh nutzte. Mit der Bundesbildungsministerin redete sie über ihr neues Projekt „Schau nicht weg“ für Schulen. Einen Probelauf gab es schon in der Oberstufe einer Priener Schule. Schüler ab der neunten Klasse sollen anhand von ganz konkreten Beispielen lernen, hinzuschauen, aufmerksam zu sein.

Und sie sollen lernen, was sie tun können und was sie lassen sollten, wenn der Verdacht besteht, bei einem Klassenkameraden oder einer Lehrkraft sei irgendetwas nicht im Lot. Lehrerfortbildungen zu dem Thema soll es auch geben. „Je schneller irgendjemandem auffällt, dass etwas nicht stimmt, desto besser ist das Problem in den Griff zu kriegen.“

Übrigens: Die Freundin, die Jana Zehs Leben so auf den Kopf stellte, war schließlich nur einmal in der Gruppe. „Es war einfach nicht ihres. Aber das ist völlig okay.“

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