München – Die Franzosen zählen durch und versuchen so, ein wenig Ordnung ins „Gelbwesten“-Chaos zu bringen: Seit Beginn der Demonstrationen hat jedes Protestwochenende eine Nummer, fast so, als wäre die ganze Sache ein Theaterstück. Der „1. Akt“ wurde am 17. November 2018 gegeben und es sagt viel über das Ausmaß der Krise, dass am Wochenende schon Akt 13 über die Bühne ging.
Eine besonders eigentümliche Szene in dem weit fortgeschrittenen Drama spielte sich in Lyon ab. Dort gingen am Samstag „Gelbwesten“ auf „Gelbwesten“ los, offenbar Demonstranten aus der extrem linken und der extrem rechten Ecke. Sie warfen Gegenstände in die jeweils andere Gruppe und prügelten schließlich aufeinander ein. Ein Video zeigt die Szene, die Fragen aufwirft. Sind das erste Zerfallserscheinungen?
Der französische Nachrichtensender „LCI“ beschrieb den Vorfall wegen seiner Heftigkeit als „außergewöhnlich“, erinnerte aber daran, dass Rechts- wie Linksextreme sich schon früh unter gemäßigte Demonstranten mischten, die unter anderem mit Straßenblockaden auf soziale Missstände hinweisen wollten. Die gewalttätigen Ausschreitungen in Paris von Anfang Dezember etwa werden radikalen Kräften angelastet. Hier und da gerieten sie auch schon aneinander – wenn auch nicht so exzessiv wie am Samstag in Lyon.
Der Vorfall scheint anderes zu zeigen: die Aufspaltung der „Gelbwesten“ in konstruktive Kräfte und Randalierer. „Die eigentliche Bewegung wird langsam zur politischen Partei und die Radikalen bleiben übrig“, sagt Frank Baasner, der das deutsch-französische Institut in Ludwigsburg leitet. So unter sich hauen sich die Chaoten, salopp gesagt, die Köpfe ein.
Schon Ende Januar hat der konstruktive Teil der Bewegung angekündigt, eine Liste für die Europawahl aufzustellen. Spitzenkandidatin ist die 31-jährige Krankenschwester Ingrid Levavasseur. Ganz leicht war der Schritt nicht, denn intern tobte ein Streit. Kritiker warfen Levavasseur vor, sich zum Handlanger des verhassten Systems zu machen. Das waren erste Anzeichen eines Bruchs.
Zwei Provokateuren dürfte die Entwicklung gar nicht gefallen: Jean-Luc Mélenchon (Chef der linken Bewegung „La France insoumise“) und Marine LePen (Chefin des rechten „Rassemblement National“). Sie hatten von Beginn an versucht, politisches Kapital aus der „Gelbwesten“-Bewegung zu schlagen – wenn auch auf unterschiedlichen Wegen. Mélenchon zeigte sich früh fasziniert von Éric Drouet, einem der Wortführer der „Gelbwesten“, der zum Staatsstreich aufrief. LePen hielt sich indes zurück und überließ ihrem Verbündeten, Italiens Außenminister Matteo Salvini, die Abteilung Attacke. Frankreich-Experte Baasner sagt: „Sie versucht so, sich als einzig glaubhafte Alternative zu Präsident Macron darzustellen.“
Dabei ist Ordnung nicht unbedingt in ihrem Sinne, denn eigentlichS profitiert LePen eher von einer nicht kanalisierten Wut der Demonstranten. Umfragen zeigen, dass die „Gelbwesten“ bei den Europawahlen sieben bis acht Prozent erreichen könnten. Die Stimmen kommen nicht von der „En Marche“-Bewegung Präsident Macrons, sondern aus dem Lager von LePen und Mélenchon.
Zusammenstöße wie die von Lyon wird es womöglich noch öfter geben. Denn im Protest-Drama ist vorerst kein Ende in Sicht, aber die Radikalen könnten immer häufiger unter sich sein. Die Wortführer der „Gelbwesten“ kommentieren die gewalttätigen Eskapaden bislang nicht. „Langfristig“, glaubt Baasner, „wird ihnen das auch schaden.“