Barcelona – Wohl nie hat es der Chef einer einzelnen spanischen Region zu so viel medialer Aufmerksamkeit in ganz Europa geschafft wie Carles Puigdemont (55). Der im katalanischen Bergdörfchen Amer geborene Sohn eines Konditormeisters studierte Philologie und wurde danach Journalist.
1983 überlebte er einen schweren Verkehrsunfall. Die Kopfnarben, die er davontrug, versucht er mit einer in Spanien vielkommentierten Frisur zu verdecken. In den 1990er-Jahren reiste Puigdemont oft nach Südosteuropa, um etwa am Beispiel des damaligen Jugoslawiens „Nationen ohne Staat“ zu studieren.
Puigdemont arbeitete für mehrere Regionalzeitungen und war 1998 Mitgründer der Katalanischen Nachrichten-Agentur. 2004 übernahm er die Leitung des englischsprachigen Blattes „Catalonia Today“ und erst zwei Jahre später trat er in die Politik ein.
Dann ging es aber Schlag auf Schlag: 2011 wurde er zum ersten nichtsozialistischen Bürgermeister der katalanischen Stadt Girona nach der Franco-Diktatur gewählt. 2015 avancierte er zum Vorsitzenden des einflussreichen „Verbandes der Gemeinden für die Unabhängigkeit Kataloniens“ (MAI), dem rund 750 der 948 Bürgermeister der Region angehören. Und im Januar 2016 stieg er zum Chef der Regionalregierung auf.
Trotz großen Widerstands der spanischen Zentralregierung und eines gerichtlichen Verbots organisierte Puigdemont für den 1. Oktober 2017 ein Referendum über die Abspaltung Kataloniens. Die Separatisten setzten sich bei der von Madrid verbotenen Abstimmung durch – Puigdemont aber wurde von Madrid als Regionalchef abgesetzt, kurz darauf floh er aus Angst vor der spanischen Justiz nach Brüssel.
Gegen Puigdemont wird wegen Rebellion und Veruntreuung öffentlicher Mittel ermittelt, weil er das für Madrid illegale Referendum aus öffentlichen Mitteln finanzierte.
Die Neuwahl in Katalonien am 21. Dezember 2017 machte Puigdemont zu einer Abstimmung über die Nationalfrage. Wieder siegten die Separatisten, doch wegen des Haftbefehls konnte Puigdemont nicht erneut für die Präsidentschaft der Region kandidieren.