Medizin à la carte: Der gesunde Genuss

von Redaktion

Gesund genießen? Ja, das geht! Wie, das stellen wir Ihnen in zwölf Folgen vor. Unsere Serie „Medizin à la carte“ erscheint alle zwei Wochen auf dieser Seite – und sie vereint wissenschaftliche Fakten mit Rezepten für gesunde Ernährung. Zum Auftakt ein Gespräch mit dem Mediziner Prof. Berend Feddersen und Gourmetkoch Alexander Ebert.

Wie viel Zeit muss man für seine ganz persönliche „Medizin à la carte“ investieren?

Feddersen: Jeden Tag eine halbe Stunde, nicht viel mehr. Probieren Sie es doch mal aus. Sie werden überrascht sein, wie schnell es geht, etwa ein Stück Fisch mit geschnittenem Gemüse in Backpapier zu einer „Schleife“ zu verpacken und dann nur noch in den Ofen zu schieben. Das Ergebnis ist überwältigend: an Genuss und Geschmack. Ebert: Im Prinzip ist es so: Man sollte sich die gleiche Zeit nehmen wie für andere Dinge, die einem Freude bereiten.

Kann man sich wirklich „gesund essen“?

Feddersen: Sich „gesund essen“ ist schwierig – das würde bedeuten, dass man Erkrankungen durch Ernährung heilen kann. Aber: Es ist sehr oft möglich, durch gesundes Essen Erkrankungen vorzubeugen. Ebert: Beim Thema „gesund essen“ denke ich einerseits an „gesundes Essen“: also frische Lebensmittel, die schonend zubereitet werden und bei denen es auf eine ausgewogene Zusammenstellung ankommt. Zum anderen verstehe ich darunter die Art und Weise des Essens: Da es uns heute oft nicht mehr möglich ist, sich in unserem hektischen Alltag auf das Essen einzulassen, sollten wir uns wieder mehr darauf besinnen, in Ruhe eine Mahlzeit zu uns zu nehmen – oder das Essen in Gesellschaft für gute Gespräche zu nutzen. Allein das kann schon zum „gesund essen“ beitragen.

Inwiefern – können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ebert: Klar. Beim schnellen Konsum von Nahrung wird unter anderem das Kauverhalten meist reduziert. Schlingen verhindert jedoch, dass wertvolle Inhaltsstoffe der Nahrung im Mund verwertet werden können. Und so gehen dem Organismus wichtige Vitamine verloren.

Gesund schmeckt ja oft nicht besonders gut …

Ebert: Gerade beim „gesund essen“ darf der Geschmack nicht zu kurz kommen! Feddersen: Da lässt sich vieles machen – es kommt auf pfiffige Rezepte an. Früher war „gesundes Essen“ eher öde; von einem Gast gesagt zu bekommen „Das schmeckt aber sehr gesund!“ war definitiv kein Kompliment. Das Anliegen von „Medizin à la carte“ ist deshalb: Es soll gesund sein und schmecken! Dazu braucht man einerseits das Wissen über den Körper, seine Organe und Stoffwechselfunktionen. Andererseits lässt sich mit „guten“ Zutaten auch ohne Riesenaufwand was Schmackhaftes kochen.

Gibt es Lebensmittel, die besonders gesund sind – und schmecken?

Feddersen: Oh ja. Obst und Gemüse zum Beispiel, aber auch Nüsse. Nüsse haben sogar das Potenzial, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken. Fische wie Lachs und Makrele sind ebenfalls gesund … Ebert: Neben frischen Lebensmitteln kann man auch mit Gewürzen, Ölen und Kräutern den Gesundheitsaspekt nicht nur unterstreichen, sondern sogar erhöhen.

Und was sollte man tunlichst meiden?

Feddersen: Fertigprodukte oder frittierte Lebensmittel, wie Pommes oder Chips: Sie tragen nicht zu einer gesunden Ernährung bei. Den Fleischkonsum zu reduzieren ist auch günstig. Wobei ich dabei nicht davon sprechen würde, es tunlichst zu meiden! Süßwaren und zuckerhaltige Softdrinks dagegen auf jeden Fall. Ebert: Mir stellt sich eher die Frage, ob man wirklich etwas tunlichst meiden sollte – oder ob es nicht vielmehr darauf ankommt, das Essen ausgewogen und in Maßen zu genießen. Alle Formen von Genuss haben ihre Berechtigung – jedoch geht es hier um die Menge und Balance. Was man vermeiden sollte, ist daher Einseitigkeit.

Was kann jeder – trotz schmalen Budgets – für seine Gesundheit tun?

Feddersen: Frisches Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt einzukaufen muss nicht teuer sein. Es geht ja nicht um irgendwelche Spezialdelikatessen. Gerade wenn man saisonal und aus der Region einkauft, ist das preislich günstig. Neben der gesunden Ernährung noch ein Schuss Bewegung – und schon geht es in die richtige Richtung. Wussten Sie, dass man mit täglich 30 Minuten Bewegung das Risiko für einen Herzinfarkt um mehr als die Hälfte reduzieren kann? Das ist einfach und kostet nichts! Wenn ich Menschen sehe, die keine Gehprobleme haben, aber trotzdem den Aufzug nehmen, um in den zweiten Stock zu fahren, statt zu Fuß zu gehen – das finde ich echt traurig. Ebert: Oh ja! Es spielt übrigens auch eine Rolle, zu welchen Tageszeiten wir etwas zu uns nehmen – und wie viel Zeit wir dem Körper zum Verdauen lassen, bevor wir wieder etwas essen. Der Verdauungsprozess hat unter anderem großen Einfluss auf unser Schlafverhalten. Das wiederum wirkt sich massiv auf unsere Gesundheit aus.

Was heißt das konkret?

Ebert: Vereinfacht ausgedrückt: satt macht müde, Hunger hält wach. Aber: Die Mahlzeit darf nicht schwer im Magen liegen – fettreiche Lebensmittel etwa sind schwer verdaulich.

Essen ist ja auch mehr als Gesundheit – es ist ein „Fest für die Sinne“ …

Feddersen: Und wie! Essen kann zu einem echten Genusserlebnis werden! Das Tolle ist, wir nehmen Essen mit all unseren Sinnen wahr. Das geht schon beim Anblick los – eigentlich sogar schon vorher, nämlich beim ersten Gedanken daran, was man kochen und essen könnte.

Und was passiert dann?

Feddersen: Dann kommt der erste Kontakt: Wir fühlen die Speise, die Konsistenz, die Textur. Wir hören, wie herrlich die Brotkruste kracht, wenn wir vom frischen Brot ein Stück herunterbeißen, einfach wunderbar! Essen bewusst wahrzunehmen ist ein Geschenk. Der Geschmack und auch der Duft, der einen Großteil der komplexen Geschmackswahrnehmung ausmacht, spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber auch die Umgebung ist mitentscheidend.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Feddersen: In einer Untersuchung mussten Gäste zwei – identische – Fischgerichte beurteilen. Eines schnitt deutlich besser ab, nämlich jenes, das in einem Restaurant mit Meeresrauschen aus der Lautsprecherbox serviert wurde. Entscheidend war hier also nur die Geräuschkulisse – die gab es bei dem anderen Restaurant nämlich nicht. Ein „Fest für die Sinne“ ergibt sich erst durch das Gesamterlebnis, da gehören viele Mosaiksteinchen dazu, um das Bild als „sinnlich“ erkennbar zu machen. Ebert: Auch in meinem Restaurant vertrete ich die Philosophie, dass „essen“ nicht nur der reinen Nahrungsaufnahme dient. Den Gast dahinzuführen, sich auf eine kulinarische Reise einzulassen, seine Sinnesorgane einzusetzen und „essen“ zu einem besonderen Erleben zu machen: Darauf kommt es an! Frei nach dem Motto: „Wenn die Ohren Augen machen und der Gaumen tanzt.“

Apropos: Was ist Ihr Lieblings-Sprichwort bezogen aufs Essen?

Ebert: Kochen ist Liebe: 100 g Liebe – eine Prise Leidenschaft – 1 Esslöffel Zeit – 3 Pfund Geschmacksknospen – 1 Becher geschärfte Sinne – 50 g Muße.

Feddersen: Bei mir ist es: „Genieße den Moment. Denke an all die Frauen auf der Titanic, die den Dessertwagen vorbei winkten.“ Der Satz stammt von Erma Bombeck, einer US-amerikanischen Schriftstellerin. Zugegeben: Das muss jetzt nicht unbedingt „gesund“ sein, aber es unterstreicht die Fähigkeit, zu genießen und auf die Lebensqualität zu achten. Gesunder Genuss, das ist essenziell!

Interview: Barbara Nazarewska

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