„Donum Vitae“ wünscht sich Anerkennung

von Redaktion

Ein Beratungsnachweis, der für einen Schwangerschaftsabbruch erforderlich ist: Der Vatikan untersagte 1998 den katholischen Beratungsstellen, einen solchen auszustellen. Katholische Laien gründeten daraufhin den Schwangerenberatungsverein „Donum Vitae“. Ein bis heute währender Streit innerhalb der Kirche begann. Die Regensburger Theologieprofessorin Sabine Demel, 56, Landesvorsitzende von Donum Vitae in Bayern, über schwierige Anfänge und eine Erfolgsstory – allen Unkenrufen zum Trotz.

20 Jahre „Donum Vitae“: Wie erinnern Sie sich an die Gründung?

1998 forderte Papst Johannes Paul II. die deutschen Bischöfe auf, die Mitwirkung in der gesetzlich vorgeschriebenen Schwangerschaftskonfliktberatung einzustellen. Ich war damals eine junge Theologin und habe über das Thema Abtreibung habilitiert. Für mich und für die anderen Gründungsmitglieder war eines ganz klar: Die Kirche darf sich nicht aus diesem Brennpunkt des Lebens verabschieden. Sie vertut damit eine Chance, ungeborenes Leben zu retten. Viele Katholiken waren lange mit den Bischöfen in Gesprächen. Doch schließlich folgten die Bischöfe dem Wunsch des Papstes, keine Beratungsscheine mehr für schwangere Frauen in Konfliktsituationen auszustellen. Als wir 1999 den Verein gründeten, wurde uns Ungehorsam gegenüber dem Papst vorgeworfen und es gab die unqualifizierte Kritik, wir würden „Tötungslizenzen“ ausstellen.

Dabei bedeutet Donum Vitae doch „Geschenk des Lebens“. Passt das?

„Donum Vitae“ setzt sich unbedingt für das Lebensrecht ein. Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, als Katholiken da zu sein, wo schwangere Frauen in Not sind – unabhängig davon, wie sie sich entscheiden. Ich glaube, dass jeder Mensch von Gott akzeptiert wird, wenn er eine vernunftgeleitete und gewissenhafte Entscheidung trifft – auch wenn es eine Abtreibung ist.

Unterscheidet sich die Beratung von „Donum Vitae“ von anderen?

Vom deutschen Gesetzgeber ist vorgeschrieben, dass die Beratung zielorientiert und ergebnisoffen sein muss. Die Frau darf nicht bevormundet oder manipuliert werden. Hierin unterscheidet sich „Donum Vitae“ nicht von anderen Beratungsstellen. Wir verweisen nicht mit dem Zeigefinger auf unseren Glauben, aber die Atmosphäre im Gespräch ist pro Leben, unsere christlichen Werte kommen sicher rüber. Wir versuchen, Perspektiven zu eröffnen, wie das Leben mit Kind weitergehen könnte.

Und retten damit Leben?

Das ist mir zu plakativ. Wir haben auch keine Statistik, wie viele Frauen sich letztendlich doch für das Kind entschieden haben. Beraterinnen erzählen aber oft, dass sie Geburtskarten bekommen, manchmal schauen die Frauen ein Jahr später mit Baby auf dem Arm vorbei.

Warum entscheiden sich die Frauen um?

„Donum Vitae“ sichert zu, bis zum Erreichen des dritten Lebensjahrs des Kindes mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Das gibt Sicherheit. Wir haben Kleiderkammern, vermitteln gebrauchte Babysachen, aber auch Gynäkologen oder Psychologen. Wir beraten bei finanziellen Fragen und helfen bei der Suche nach Betreuungsplätzen.

Sind es denn materielle Gründe, die Frauen zum Schwangerschaftsabbruch treiben?

Nein. Die meisten Frauen geben als Grund für eine Abtreibung an, sich psychisch und physisch überfordert zu fühlen. Da sehe ich die Gesellschaft in der Pflicht. Wie kann es sein, dass sich die Frauen so alleingelassen fühlen?

Wie steht die katholische Kirche heute zu „Donum Vitae“?

Die Zeiten der emotionalen und heftigen Angriffe sind vorbei. Aber es gibt immer noch Andeutungen, dass wir ungehorsam gegenüber dem Papst sind. Wir werden weiter von zwei Seiten unter Beschuss genommen: Den einen sind wir zu katholisch. Es wird behauptet, wir würden die Frauen bevormunden und das Selbstbestimmungsrecht nicht ernst nehmen. Die andere Seite wirft uns vor, wir würden „Tötungslizenzen“ ausstellen. Ein Dilemma.

Trotzdem hat sich „Donum Vitae“ zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt?

Ja, wir haben inzwischen 202 Mitarbeiter und über 20 staatlich anerkannte Beratungsstellen. Unser Beratungsfeld ist stark gewachsen, von Kinderwunsch über vertrauliche Geburt, Pränataldiagnostik über Sexualpädagogik bis hin zu Trauerberatung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich würde mir ein klares Bekenntnis von der Kirche zu „Donum Vitae“ wünschen. Und eine klare Erklärung, dass der Verein nicht außerhalb der Kirche arbeitet. Immer noch steht ungeklärt im Raum, ob ein Religionslehrer, eine Pastoralreferentin oder ein Priester Mitglied bei „Donum Vitae“ werden kann, ohne Abmahnungen oder gar eine Kündigung zu riskieren. Wir bekunden eindeutig und klar das Zeugnis des Lebensschutzes. In Zeiten, in denen der Vertrauensverlust in die katholische Kirche groß ist, sollten die Bischöfe und der Papst anerkennen, dass Katholiken verantwortlich und freiheitlich handeln dürfen.

Das Interview führte Aglaja Adam

Artikel 11 von 14