Krieg und Revolution im Tölzer Land

von Redaktion

Auch in Kochel gab es 1919 kurzzeitig eine Räterepublik

Nicht nur in München, auch im Tölzer Land wurde im April 1919 eine „Räterepublik“ ausgerufen: In Kochel und in der Jachenau entwaffneten damals Arbeiterräte Gendarmerie und Forstpersonal. Bewaffnete Anhänger der „Roten“ patrouillierten durch Kochel, in dem idyllischen Ort am Kochelsee wurden mehrere Maschinengewehr-Posten aufgestellt – ein Dorf in Aufruhr. In der Kirche, so Gerüchte von damals, sei sogar getanzt worden. Der Pfarrer wurde angeblich verprügelt.

An die Geschehnisse damals erinnert nun das Buch „Erster Weltkrieg im Tölzer Land“ der Journalistin Sibylle vom Kamptz. Es basiert auf ihrer nicht weniger als 700 Folgen umfassenden Langzeitserie „Krieg in der Heimat“ im „Tölzer Kurier“.

Im Ersten Weltkrieg hatten die Menschen im Tölzer Land Not und Entbehrungen erlitten, wie es sie überall sonst auch gab. Zum Glück waren wenigstens die Zerstörungen des Krieges und die Schützengräben weit entfernt. Nur selten rückte die Front sogar im Voralpenland bedrohlich nah: Am 29. August 1916 etwa war mittags in Bad Tölz beim alten Krankenhaus und auf dem nahen Zwiesel Geschützdonner von der italienischen Front wahrzunehmen – dumpf grollte es über die Berge. Meist war jedoch nur ein anderes Geschütz im Isarwinkel zu hören: Bei jedem Sieg der Mittelmächte feuerte der Tölzer Kaufmann Steigenberger vor seinem Geschäft am Isarkai eine kleine Kanone ab, um die gute Nachricht zu verkünden.

Während der langen Kriegszeit fehlten die eingezogenen Männer in den Familien sowie in Betrieben, auf den Höfen und bei der Feuerwehr. Kriegsgefangene aus Frankreich, Serbien und Russland, die in Lagern in Benediktbeuern und Schlehdorf untergebracht waren und Zwangsarbeit leisten mussten, sollten diese Lücken ausfüllen. Manchmal gelang das: Die Tölzer Grünerbrauerei gab sogar eine Traueranzeige im „Tölzer Kurier“ auf, als der bei ihr arbeitende Russe Julius Ismailof im Dezember 1918 im Alter von 30 Jahren starb.

Novemberrevolution, freie Wahlen, Frauenwahlrecht – all diese in der Rückschau epochalen Ereignisse wurden im Oberland gleichmütig hingenommen und spielten im Alltag der meisten Menschen eine eher kleine Rolle. Erst im Frühjahr 1919 war es mit der Ruhe vorbei. „In Kochel sind viele gefährliche Leute bei dem Walchenseekraftwerk angesammelt, sie sind Anhänger der Spartakus-Gruppe“, vermerkte die Tölzer Stadtchronik schon im Januar 1919. Noch im November 1918 war mit dem lange geplanten Bau begonnen worden, bald waren mehrere Hundert Arbeiter unter einfachsten Bedingungen rund um die Baustelle untergebracht.

Ende Februar 1919 übernahmen in Kochel unter der Führung „des in Matrosenuniform gehenden Franz Gierl“ bewaffnete Arbeiter die Macht im Ort und riefen am 11. April 1919 – analog zur Räterepublik in München – eine eigene Republik aus.

Verschiedene Nachbargemeinden organisierten deshalb Volkswehren, um sich vor den „Roten Garden“ zu schützen: Bichl, Benediktbeuern, Lenggries, später auch Bad Tölz. In Hechenberg (Gemeinde Dietramszell) taten sich 50 Mann zusammen, um die Staatsstraße München – Deining – Tölz zu überwachen. Nachdem am 23. April 1919 der Versuch der Kochler, auch Garmisch unter ihre Herrschaft zu bringen, blutig scheiterte (bei Oberau gab es drei Tote), brach die verhasste „Spartakistenwirtschaft“ zusammen, wie der Kochler Chronist Otto Freiherr von und zu Aufseß festhielt. Mehrere Dutzend Arbeiter wurden verhaftet.

Die revolutionären Umtriebe bildeten keineswegs das Schlusskapitel des Ersten Weltkriegs, der allein im südlichen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen mehr als 600 Soldaten das Leben kostete. Während des immer wieder verlängerten Waffenstillstands durften die deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft sind, noch nicht nach Hause. So schrieb ein Tölzer, der seit Oktober 1914 in England interniert war, im August 1919 an seinen Bruder: „Mit dem Austausch ist es wieder nichts geworden. Was das für uns heißt, kannst Du daraus ersehen, dass sich in der letzten Woche einer die Pulsadern aufgeschnitten hat, während ein anderer verrückt wurde.“

Erst im Frühjahr 1920 kamen die letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Heimat an. HANS STAAR

Das Buch

„Erster Weltkrieg im Tölzer Land“ kostet 24,80 Euro zuzüglich Versand; zu bestellen über: svk@cs-press.de

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