Der Hut der Bayern

von Redaktion

Gamsbartbinden ist eine stundenlange Fleißarbeit – und die bayerischste aller Meditationsübungen. Wir haben einen Könner seines Fachs besucht: Jakob Weiß, 62, aus Ebersberg. Für einen Hutschmuck braucht er bis zu 80 000 Haare.

VON WOLFGANG HAUSKRECHT

Jakob Weiß hat die Ruhe weg. Zu seinem Haus am Rande Ebersbergs dringt Hektik nicht durch. Er selbst strotzt vor bayerischer Gemütsruhe. Für das, was Jakob Weiß, 62, macht, ist das die perfekte Basis. Denn das Gamsbartbinden ist eine fast meditative Angelegenheit. Gamshaare auskämmen, sortieren, waschen, trocknen, bündeln, binden. Eine Fleißarbeit. „Ein Gamsbart ist immer gleich“, sagt er. „Man braucht halt viel Geduld und Fingerspitzengefühl.“

Auf dem Dachboden hat Weiß seine Werkstatt. Kühl ist es hier. Der Raum ist voller Dinge, die im Haus keinen Platz haben. Ein kleiner Bereich aber gehört ihm ganz allein. Auf dem Holztisch neben der Tür hat der Gamsbartbinder alles, was er braucht: einen Kamm, Scheren, Zwirn, Gläser voll mit Gamshaaren. Links vom Tisch steht ein schmales Regal. Noch mehr Gamshaar in Gläsern, Tüten, Schachteln. Zwei bis drei Stunden jeden Abend zieht er sich hierher zurück. Außer am Wochenende. „Da will meine Frau auch was von mir haben“, sagt er und lächelt.

Weiß sitzt da, klopft ein Reagenzglas mit Gamshaar auf einen Holzblock, damit die Enden bündig werden. Dann zieht er mit spitzen Fingern die längsten Haare heraus. Einmal, zweimal, dreimal. Schlechtes Haar wird aussortiert, das gute bindet er mit einem grünen Zwirn zu Büscheln. In Sekundenschnelle. 120 bis 150 Haare pro Büschel. Ein Büschel, das nächste, noch eines. Weiß macht das so lange, bis er genug Büschel für seinen Gamsbart hat.

Für ein Prachtexemplar braucht Weiß an die 400 Büschel, die er von innen nach außen zusammenbindet. Eines nach dem anderen, mit kritischem Blick, damit der Hutschmuck perfekt wird. Bis zu 80 000 Haare sind das – zehn bis zwölf ausgewachsene Gamsböcke braucht man dafür. 120 Stunden Arbeit stecken in einem großen Bart. Weiß verlangt bis zu 4000 Euro dafür. Kleinere gibt es ab 1200 Euro. Die Länge entscheidet über den Preis. Bärte über 20 Zentimeter sind selten, 10 000 Euro kein unüblicher Preis dafür.

Nur das Haar vom Aalstreif, der sich am Rücken der Gams vom Genick zum Wedel zieht, taugt für den Bartbinder. Die langen dunklen Grannenhaare mit ihren hellen Spitzen, dem Reif, haben die Tiere im Winter. Zwar werde reichlich geschossen, aber nur ein kleiner Teil der Böcke sei geeignet, sagt Weiß. Jagdmonat, das Alter, die Höhe, in der das Tier gelebt hat – all das entscheide über die Qualität des Aalstreifs. Weiß versucht, viele Kontakte zu Jägern zu knüpfen. Bis nach Slowenien.

Gerade liegt ein Aalstreif auf dem Balkon des Dachbodens. Weiß zeigt auf die Plastiktüte. Aufmachen scherzt er, solle man die jetzt lieber nicht. „Das riecht streng.“ Die Haare muss er abrasieren, denn rupfen kann man das Haar nur, solange das Tier noch warm ist. Viele Jäger machen das nicht mehr.

Weiß findet das unverständlich. Die Jägerkultur habe sich gewandelt, sagt er. Die Gamsjagd sei häufig nur noch Freizeitvergnügen. Bis zu 3000 Euro werde für einen Abschuss gezahlt. Das einzige Begehr seien die Hörner. „Der Rest ist für den Schützen Abfall.“ Bis zu 100 Euro zahlt Weiß für einen Aalstreif. Aber anstatt den Rücken zu rupfen, würden Jäger das Fell oft entsorgen. „Auch viele alte Jäger jammern über die Ignoranz der Jungen“, sagt Weiß.

Fünf bis sechs große und um die 15 kleinere Bärte bindet Weiß im Jahr. Mehr geht nicht. „Wenn ich genug Haare hätte, könnte ich vom Gamsbartbinden gut leben“, sagt er. Anfragen gibt es viele. Nach Kanada und in die USA hat er schon geliefert. An Kunden, die der Tradition verhaftet sind. Er habe auch eine Anfrage aus Russland gehabt. Um drei große Gamsbärte sei es gegangen. „Es hieß, die zahlen jeden Preis. Ich habe das abgelehnt.“

Ein schöner Gamsbart, sagt Weiß, gehöre in die richtigen Hände. „Ich war schon immer Bayer aus Überzeugung. Tradition ist mir wichtig“, betont der 62-Jährige, der sieben Geschwister hat. Hauptberuflich ist er IT-Techniker, kümmert sich um Großrechner. Das Gamsbartbinden ist sein täglicher Ausgleich.

Zu seinem Hobby kam der gebürtige Zornedinger zufällig. Vor vielen Jahren wollte er selbst einen Gamsbart. Also klopfte er bei einem Bartbinder im Landkreis Rosenheim an. „Wo kommst du her?“, fragte der. Weiß antwortete ehrlich. „Dann kriegst du keinen!“, kam es zurück. Wildbartbinder verkaufen die wenigen Stücke, die sie produzieren können, oft ungern nach außerhalb.

Jakob Weiß begann, Trachten zu sammeln, machte einen Silberschmiedekurs und fertigte Charivaris. Sogar im Federkielsticken versuchte er sich. Dann traf er Rudolf Wackerle, eine Bartbinder-Ikone aus Garmisch-Partenkirchen. „Ein ganz ein interessanter Mann“, sagt Weiß. Eigentlich wollte er bei Wackerle nur seinen heiß ersehnten Gamsbart kaufen. Man kam ins Gespräch. Wackerle suchte jemanden, dem er sein Wissen weitergeben kann. „Ich habe Ja gesagt.“ Mit einer Schuhschachtel Gamshaar kam Weiß nach Hause, band seinen ersten Bart. „Der Rudi hat gesagt: Der is nix! Den kannst du noch mal binden – oder wegschmeißen.“

Heute beherrscht Jakob Weiß sein Handwerk. Von einer Kunst will er nicht sprechen. „Das ist keine Kunst.“ Denn viele Variationsmöglichkeiten gebe es nicht. Keine Löcher darf der Bart haben, rund und gleichmäßig fallen muss er. Ansonsten sei Gamsbart eben Gamsbart.

Weiß repariert auch. Er kramt auf seinem Arbeitstisch, zeigt die beiden Bärte, die er zu einem restaurieren soll. Für unter 1000 Euro wird der Kunde bald ein neues Prachtstück haben. Auch Bärte aus Dachs- und Hirschhaar macht er. Oder Hutschmuck aus Adlerfedern – wenn er Federn hat. Adler stehen unter strengstem Naturschutz, nur Mauserfedern dürfen gehandelt werden – mit einem entsprechenden Zertifikat des Falkners oder Jägers.

Das Kerngeschäft aber ist die Gams. „Ein normaler Trachtler will einen Gamsbart“, sagt Weiß. Weil diese rar sind, wird gefälscht. Der Bart ist dann aus Antilopenhaar oder Pferdeschweif. Der Reif an den Spitzen wird mit Wasserstoffperoxid hergebleicht. Gute Fälschungen seien nicht so leicht zu erkennen, sagt Weiß. Sein Tipp: Ein Gamsbart wiegt 30 bis 65 Gramm – weil Gamshaar hohl ist. Ein gefälschter Bart wiege 200 bis 300 Gramm.

Weiß räumt den Tisch auf, macht das Licht aus. Zwei Stockwerke tiefer gießt er in der Küche Tee auf. Dem Bartbinden will er treu bleiben. „Ich habe das Pech, dass das wahnsinnig eingeschlagen hat“, scherzt er. Viele Bartbinder gebe es nicht mehr. Die Tradition, sie fesselt Weiß, obwohl er selbst kein Trachtler ist. „Ein junger Trachtler spart lange, um sich einen Gamsbart leisten zu können“, sagt er. „Ein guter Gamsbart, der hält ein Leben lang!“

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