Revolution in Buchform

von Redaktion

Vor 50 Jahren erschien „Bayern im Umbruch“

Eigentlich wäre der Jahrestag mindestens ein Symposium zur bayerischen Geschichte wert: Vor 50 Jahren erschien im damals noch selbstständigen R. Oldenbourg Verlag der Wälzer „Bayern im Umbruch“. Es ist ein Sammelband zur Revolution in Bayern 1918/19, in dem der damalige Doyen der bayerischen Geschichte, Karl Bosl (1908–1993), vor allem seine Schüler zu Wort kommen ließ.

Dieses Buch, heute nur noch via Antiquariat zu erhalten, ist ein Werk von Dauer, das in mehrfacher Hinsicht revolutionär war. Höchst ungewöhnlich erschien schon, dass Doktoranden zusammen mit ihrem Professor quasi auf Augenhöhe auftraten und sich so Standesunterschiede zwischen Professor und Schülern nivellierten. Die Münchner Historikerzunft damals war, so erinnert sich Paul Hoser, ein Schüler Bosls, „sehr konservativ, ja altbacken“. Manche behandelten die Studenten „herablassend und autoritär“. Bosl war anders – respektvoll, höflich, ja kollegial. „Bayern im Umbruch“ bezeichnete er im Vorwort mit dem (damals) neumodischen Terminus „Teamwork“.

Noch mehr aber dürfte manchen althergebrachten Standesvertreter die Thematik des Bandes verblüfft haben, entwarfen die Autoren doch erstmals ein breit gefächertes Bild der Münchner Revolution. Das damals gültige Standardwerk zu 1918/19 stammte bezeichnenderweise von einem Amerikaner – jetzt aber wurde die Revolution erstmals von Bayern durchleuchtet. Noch dazu waren die Beiträge, so differenziert sie im Einzelnen auch waren, von Sympathie gegenüber dem „Umbruch“ durchzogen – während sie zugleich eine Abrechnung mit der Monarchie in Bayern lieferten.

Die Leitidee beschrieb Bosl im Vorwort wie folgt: „Über die weitreichenden Voraussetzungen dieser Revolution hat man sich in Bayern schon deshalb wenig Gedanken gemacht, weil noch kaum analysiert und untersucht die Prinzregentenzeit im milden, verklärenden Schimmer der letzten gesättigten Jahrzehnte vor dem Sturm stand und steht.“

Wumms – da wurden Prinzregent Luitpold und sein Nachfolger Ludwig III. vom Sockel gestoßen. So zeigte Karl Möckl in seinem Beitrag auf, dass Verfassungsstruktur und politisches Machtgefüge in der Prinzregentenzeit nicht mehr mit der rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Bayerns Schritt gehalten hatten.

Willy Albrecht zeigte den „Autoritätsverfall der Herrschaftsträger in Bayern“ während des Ersten Weltkriegs auf. Falk Wiesemann lieferte eine Vorstudie zur Biografie von Kurt Eisner, wobei er sich auf Eisners (nicht vollends ausgearbeitete) Überlegungen zu einer Verschränkung von Rätesystem und demokratisch gewähltem Parlament konzentrierte. Der Autor widerlegte das damals übliche Urteil, das Eisner mit Bolschewismus und Anarchie gleichsetzte. Ein weiterer Beitrag, von Christoph Weisz, behandelte die Betrachtung der Revolution durch zeitgenössische Münchner Historiker. Mehreren wie Michael Doeberl und Max Buchner wies er antisemitische Tendenzen bei der Beurteilung Eisners nach.

„Bayern im Umbruch“ erschien wahrscheinlich nicht zufällig zur Zeit der Studentenrevolte – auch München 1969 war „im Umbruch“. Zeitzeuge Hoser erinnert sich an das gezielte Stören von Seminaren. Mancher konservative Historiker ließ sich krankschreiben – Bosl indes, als eine Delegation Studenten auch ihn am Reden hindern wollte, antwortete listig: „Wie schade, ich wollte grade über die Revolution in Bayern reden.“

Als Bosl 1976 emeritiert wurde und der damalige Kultusminister Hans Maier einen äußerst konservativen Nachfolger durchboxte, zerstreuten sich Bosls Schüler in alle Winde. Der eine, Falk Wiesemann, wich an die Düsseldorfer Uni aus, der nächste, Wolfgang Benz, ans Institut für Zeitgeschichte. Andere gingen zur Historischen Kommission oder zum „Spiegel“. Eine die Geschichtsschreibung weiter prägende Bosl-Schule gibt es nicht. Nur einen Bosl-Stammtisch, zu dem sich die in Ehren ergrauten Bosl-Schüler manchmal in München treffen. DIRK WALTER

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