Frei laufende Hunde reißen Wildtiere

von Redaktion

Ein Vorfall auf dem Hörnle sorgt für großen Ärger. Ein Hirschkalb wurde halb totgebissen. Die Jäger sind sich sicher, dass es ein Hund war, der mit Skitourengehern unterwegs war. Ohne Leine. Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Die Jäger appellieren an die Freizeitsportler, mehr Rücksicht zu nehmen auf Natur und Wildtiere.

VON LUDWIG HUTTER

Oberammergau/Bad Kohlgrub – „Zeitberg“ – dieser Beiname schmückt seit einigen Jahren das Hörnle im Kreis Garmisch-Partenkirchen. Er soll den Entschleunigungs-Charakter bei einer Tour auf den Bad Kohlgruber Hausberg betonen. Doch immer häufiger ist das Gegenteil der Fall: Das Hörnle entwickelt sich zum „Problemberg“, vor allem im Winter. Die Interessen der stetig zunehmenden Freizeitsportler, Schneeschuh- und Tourengeher kollidieren mit jenen von Grundbesitzern, Waldbauern und Jägern. Die Situation droht zu kollidieren: Verbots- und Hinweisschilder wurden schon umgeworfen, Zäune aufgeschnitten.

Mitten hinein in dieses brisante Verhältnis gerät nun ein Vorfall, der die Kritiker der karawanenartigen Hörnle-Touren auf den Plan ruft. Die Frau eines Jagdpächters entdeckte kürzlich bei der Fütterung ein schwer verletztes Hirschkalb mit einem faustgroßen Loch am rechten Hinterlauf. Ihr herbeigerufene Ehemann verfolgte das noch lebende, mühsam flüchtende Kalb, musste es schließlich erschießen. Bei der näheren Untersuchung des Fundorts im Schnee entdeckte der Jagdpächter etwa 80 Meter von der Wildfütterung entfernt Spuren eines großen Hundes und ganz in der Nähe frische Skispuren eines Tourengehers.

Für Anton Degele, Jagdvorsteher in diesem Revier, steht zweifelsfrei fest, dass es das Werk eines frei laufenden Hundes ist. „Die Spurenlage ist eindeutig“, sagt er. „Wir haben inzwischen Anzeige gegen unbekannt bei der Polizei gestellt.“ Degele ist die Verärgerung deutlich anzumerken. „Wie ignorant und egoistisch muss man als Freizeitsportler eigentlich sein, um auch nachts in solchen Schneehöhen seinen Bewegungsdrang, jenseits der ausgewiesenen Aufstiegsrouten, auf Kosten der schon in diesem Winter arg geschwächten und äußerst ruhebedürftigen Wildtiere auszuleben? Die Krönung solcher Dummheit ist dann noch, seinen Hund nicht an die Leine zu nehmen und nicht mehr unter Kontrolle zu haben“, schimpft er.

Auch Klaus Pukal, der Naturpark-Koordinator in den Ammergauer Alpen, ist sich sicher, dass das tote Hirschkalb von Hunden gerissen wurde. „Für das Wild besteht nach wie vor der Katastrophenfall“, betont er. Es befindet sich in einem extrem niedrigen Energiesparmodus, um über den Winter zu kommen.“ Jede Störung könne schlimme Folgen haben.

Weitere Fälle von gerissenen Wildtieren gibt es in den Nachbarorten: In Oberammergau machte Dominik Rödel, Berufsjäger der Privatwaldgemeinschaft Oberammergau, in den vergangenen Wochen am sogenannten Altherrenweg die Entdeckung von drei toten, gerissenen Rehen, ein weiteres Hirschkalb verendete im Nachbarrevier in Unterammergau. Für Rödel steht zweifelsfrei fest, dass auch hier frei laufende Hunde von Wanderern die Wildtiere gehetzt, zur Strecke gebracht und gerissen haben: „Es geht einfach nicht an, dass die Leute ihre Hunde nicht an die Leine nehmen, wie es Vorschrift ist, sondern frei laufen lassen.“

Jagdvorsteher Anton Degele betont, dass gerade jetzt, wo auf den Bergen noch soviel Schnee liegt, die Wildtiere unter einer enormen Belastung stehen: „Durch die hohe und verharschte Schneedecke finden sie fast keine Nahrung. Im Winter gehen beim Rotwild Körpertemperatur und Herzschlag auf ein Minimum zurück. Wird es aufgeschreckt, muss es binnen Sekunden seinen Stoffwechsel so stark hochfahren, dass es zu großem Stress und sogar zum Tod durch Erschöpfung kommen kann.“

Vielen Freizeitsportlern, Schneeschuh- und Tourenskigehern, vor allem jenen aus der Stadt, sei das nicht bekannt, glaubt er. „Die marschieren einfach drauflos, kreuz und quer, ohne Rücksicht auf Verluste und auf das Wild, nur das eigene Vergnügen im Blick“, regt sich Degele auf. Grundeigentümer, Waldbauern und Jäger appellieren eindringlich an alle Freizeitsportler, auf den geräumten Winterwegen, Pisten und ausgewiesenen Skitourenrouten zu bleiben.

Auf alle Fälle sollen die Hunde angeleint werden, damit sie das gut verborgene Wild nicht aufschrecken. Anton Degele droht: „Das Recht auf das freie Betretungsrecht in der Natur überschreitet hier seine Grenzen. Wenn das so weitergeht, müssen wir uns was einfallen lassen.“

Artikel 2 von 19