In der Werkstatt von Stefan Fichert stapeln sich noch immer Entwürfe. Auf der Werkbank steht ein halb fertiger Gartenzwerg. Im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ist er der heimliche Star, Fichert hat ihn zwar schon einmal geschnitzt, aber der Zwerg ist bei den Proben unabkömmlich. Ein Doppelgänger muss also her für die vielen Pressetermine. Am Donnerstag feiert die Musical-Fassung von Amélie im Münchner Theater „Werk7“ Premiere. Der 72-jährige Gautinger hat die Puppen dafür gemacht.
Das Leben geht manchmal erstaunliche Wege. So war es auch in diesem Fall. Denn die Produzenten hatten den Figurenbauer aus dem Landkreis Starnberg gar nicht auf dem Schirm. Die ganze Geschichte begann, als Ausstatter Andrew Edwards im Globe Theatre in London Hans Christian Andersens „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ sah. Die Hauptfigur war eine Puppe. „Er war davon so begeistert, dass er sich gleich erkundigte, wer die gebaut hat“, erzählt Fichert. Edwards wurde an Lyndie Wright verwiesen. Die Grande Dame des englischen Figurenspiels betreibt mit dem „Little Angel Theatre“ seit über 50 Jahren eine Puppenbühne, die in London Kultstatus genießt. „Lyndie hatte aber keine Zeit“, erzählt Fichert. „Und als sie München gehört hat, hat sie gleich an mich gedacht und gefragt, ob ich Lust hätte, das zu übernehmen.“ Der Gautinger hatte Lust.
Wright und Fichert kennen sich schon seit den späten 1960ern, als der Gautinger acht Jahre lang in London lebte und am „Little Angel Theatre“ seine Liebe zum Puppentheater entdeckte. „Ich hatte zuerst in München an der Kunstakademie studiert. So ab 1966, wo es hier bekanntlich drunter und drüber ging und alles möglich war – nur kein Studium. Das war zwar ganz lustig, aber irgendwie war ich auch frustriert, weil nichts voranging.“ Damals lernte er seine Frau kennen. „Sie hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit nach London zu kommen, wo sie bei einer Produktion des Little Angel Theatres in der Royal Festival Hall mitmachen sollte – Strawinskys ,Geschichte vom Soldaten‘.“
Für Stefan Fichert war das eine Initialzündung. Die Vielseitigkeit und das Fantasievolle des Puppentheaters – „das hat mich immer mehr gereizt“, sagt Fichert. „Einfach, weil es so viele Aspekte abdeckt. Von der Bühne über den Bau der Puppen bis hin zu Dramaturgie, Texten, Musik. Im Schauspiel oder der Oper ist das ja alles wahnsinnig spezialisiert. Bei uns geht es fließend ineinander über.“
Acht Jahre lang lebten die Ficherts in London, ehe sie mit den „Puppet Players“ ihre eigene Truppe gründeten und wieder in der Heimat sesshaft wurden. Auch hier blieben die Anfragen großer Institutionen nicht aus. In der Werkstatt erinnern viele Fotos und Modelle an die Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze, der die „Puppet Players“ einst zur Biennale holte. Oder an David Pountneys „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper und die „Zauberflöte“ der Bregenzer Festspiele.
In den letzten Wochen und Monaten drehte sich aber alles um die fabelhafte Welt der Amélie. Der französische Film aus dem Jahr 2001 begeisterte das Publikum weltweit, war für fünf Oscars nominiert. Nun also kommt er als Musical nach München – und Stefan Fichert hat seinen Anteil daran. Fichert hat die zweidimensionalen Entwürfe von Andrew Edwards nicht nur plastisch umgesetzt, sondern auch für die Darstellerinnen und Darsteller spielbar gemacht. Bis aus den Entwürfen Puppen wurden, war es ein weiter Weg. Fichert übertrug die bunten Aquarelle in Baupläne, aus denen wiederum Kunststoff-Modelle entstanden. An den Modellen überprüfte Fichert, ob die Proportionen passen und die Beweglichkeit stimmt. Erst dann kamen Säge und Schnitzwerkzeug zum Einsatz. Fichert zeigt auf die vielen Holzblöcke, die noch immer in seiner Werkstatt stehen. Aus ihnen formt er die Figuren, die die Zuschauer verzücken sollen.
Fichert hat dabei nicht alleine vor sich hin geschnitzt. Viele Absprachen waren nötig, mit den Bühnen- und Kostümbildnern – und natürlich dem Regisseur. „Es ist wichtig, genau zu klären, was die einzelnen Figuren können müssen“, erklärt Fichert. „Wie sollen sie sich bewegen? Wer soll sie führen? Und welchen Gesichtsausdruck geben wir ihnen?“ Dinge, die sich noch verändern können. Bis Ende Oktober läuft das Musical. Fichert dürfte die Arbeit nicht ausgehen.
Die Puppen sind ganz einfach gehalten, so wie man sie aus der Kindheit kennt. „Wir wollten die Puppen bewusst schlicht halten. Um es dem Ensemble einfacher zu machen, das ja auch noch selber spielen und singen muss. Aber auch, um die Fantasie des Publikums zu fordern.“ Die perfekte Illusion sei Sache des Kinos. „Ich möchte gerade zeigen, dass es ein Stück Holz ist, das wir hier zum Leben erwecken.“
Die Fantasie. Sie ist elementar für die poetische Geschichte der verträumten Titelheldin. In der Gautinger Werkstatt entstanden nicht nur Puppen, die Amélie auf der Bühne als Kind darstellen, sondern auch jede Menge Mitspieler. Etwa der selbstmordgefährdete Goldfisch „Pottwal“ oder eben der kultige Gartenzwerg, der schon in Jean-Pierre Jeunets Film einer der heimlichen Hauptdarsteller war. Der Kollege mit der roten Zipfelmütze soll im Musical einen denkwürdigen Auftritt haben. Mehr wird noch nicht verraten.
Auch wenn man das Figurenspiel inzwischen an Hochschulen studieren kann: Das Entwerfen und Bauen der Puppen ist eine ganz eigene Kunst. Eine, die mit der Erfahrung wächst. „Ich habe damals in London vor allem in der Werkstatt gearbeitet“, erzählt Fichert. „Das ist bis heute das, was ich am liebsten mache. Wir spielen ja immer noch unsere eigenen Produktionen. Aber hier in der Werkstatt Puppen zu schnitzen, Modelle zu entwickeln und Dinge auszuprobieren – Kunst und Handwerk kommen da zusammen.“
Das Training überlässt der Figurenbauer Sarah Wright. Die Tochter seiner Londoner Mentorin ist begeistert von der Welt, die der 72-Jährige geschnitzt hat. „Stefan hat hier Puppen gebaut, die den Darstellern viel Freiheit geben. Es ist einfach berührend zu sehen, wie die Darsteller ihre ganzen Emotionen hineinlegen.“